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Man sieht eine Metzgerei. Hinter dem Tresen steht die Metzgerin, eine vielleicht vierzig Jahre alte blonde und meeeegafreundlich aussehende Frau; vor dem Tresen stehen zwei ältere Damen unbestimmbaren Alters; auf jeden Fall sind sie älter als die Metzgerin. Plötzlich betritt ein wahres Bild von einem Mann die Metzgerei und zieht sofort die Blicke der drei Frauen auf sich – er ist vielleicht 35, sehr groß und stattlich gebaut, trägt sehr einfache und altmodische, eher bäuerlich anmutende Kleidung und dunkelblonde, leicht gewellte, lange Haare – mit anderen Worten: er sieht aus wie eine Kreuzung aus Connor McLeod (Highlander) und Thomas Gottschalk, was ihn mehr oder weniger zum feuchten Traum jeder etwas älteren Schwiegermutter macht (das war jetzt echt gemein, aber ich kann nicht anders... *schäm*).

Als er die Theke erreicht hat – immer noch fassungslos beobachtet von den drei Damen, spricht er ein einfaches aber anscheinend dennoch magisches Wort: „Rügenwalder“ (von Manieren hat der Mensch anscheinend noch nichts gehört – wo ich herkomme, würde man sagen: „Rügenwalder BITTE!“ Mann, Mann, Mann...); seine Stimme ist dabei ziemlich leise und soll wohl verführerisch und sexy klingen, was mir aber irgendwie immer entgeht - vielleicht bin ich aber einfach kein Teil der Zielgruppe, für die diese Werbung gedacht ist. Auf die Metzgerin scheint die Stimme (in Kombination mit dem Aussehen) aber dennoch zu wirken, denn sie fragt mit einer gehauchten, fast nicht zu hörenden Stimme (in etwa so, als hätte ihr jemand eine wilde Liebesnacht mit den Zillertaler Schürzenjägern angeboten): „Teewurst?“ Wie jetzt – die ist Metzgerin, zum damaligen Zeitpunkt gab es von Rügenwalder NUR Teewurst, und die muss trotzdem nachfragen? Spricht nicht unbedingt für ihre Ausbildung, aber egal, vielleicht hat sie den netten Herren vor lauter Hormonüberschuß ja auch nur nicht ganz verstanden... Das scheint auch Connor / Thomas klar zu werden, denn er wiederholt ein wenig eindringlicher das magische Wort: „Rügenwalder.“ Dennoch scheint sein Anliegen noch immer nicht zu der mit offenem Mund und ziemlich dämlich aussehenden Dauerlächeln dastehenden Metzgerin durchgedrungen zu sein, denn sie zeigt auf einen ganzen Stapel Rügenwalder Wurst, der sich hinter ihr befindet und fragt mit noch etwas atemloserer, fast schon versagender Stimme: „Diese hier?“ Das wäre DIE Chance für Connor / Thomas, das Trauerspiel schnell zu beenden („JA VERDAMMT, DIESE HIER!!! Meine Fresse...“), aber nein – er erwidert mit grenzenloser Geduld (die fast schon an ein erbauliches Gespräch mit den Zeugen Jehovas erinnert): „Die mit der Mühle!“ Jetzt erwachen auch die beiden vor der Theke stehenden älteren Damen aus ihrer Erstarrung und lockern die schon zu diesem Zeitpunkt schreiend blöde Werbung durch einen kryptischen und den wahrscheinlich sinnlosesten Dialog in der gesamten Geschichte des deutschen Werbefernsehens auf: Dame 1: „Aha – mit der Mühle!“ Dame 2: „Natürlich.“

Kann mir bitte jemand sagen, was das soll? Wird in diesem Dorf schon den Kindern beigebracht, dass auf einer echten Rügenwalder eine Mühle abgebildet ist? Sind in den letzten Jahren immer wieder Leute durch gepanschte Rügenwalder-Imitate (natürlich ohne Mühle) gestorben oder leiden seitdem an nicht enden wollendem Durchfall, so dass nun JEDER vor dem Kauf einer Wurst erst einmal nach der Mühle auf der Packung sucht? Ich weiß es einfach nicht... Egal. Auf jeden Fall scheint die Metzgerin nun endlich verstanden zu haben, was der nette Herr von ihr möchte, und sie geht in dem Verkaufsgespräch einen Schritt weiter – sie fragt: „Wie viele?“. Und jedem, der die Werbung zu diesem Zeitpunkt halbwegs verstanden hat, ist klar, welche Antwort zwangsläufig kommen muss: „Alle.“ Diese Angabe scheint nun für die Metzgerin kein größeres Problem darzustellen, denn sie lädt Connor / Thomas – mit einem mittlerweile leicht eingefrorenen, beinahe grenzdebilen Lächeln - sämtliche hinter ihr liegenden Rügenwalder auf, worauf er sich umdreht und unter leicht unterdrücktem Grunzen (was soll das bedeuten? Spricht da der heimliche Jäger und Sammler in ihm, der sich über die Beute freut? „Hähäää – Essen! Grunz...“) den Laden verläßt. Auch hier zeigt sich wieder, dass der Typ nicht einmal den Ansatz von Manieren hat – auch wenn ich die Metzgerin verarscht habe, mußte ich trotzdem zahlen... Wer zu diesem Zeitpunkt die Fernbedienung noch nicht gefunden und schleunigst umgeschaltet hat, der darf im zweiten Teil dieser Werbung miterleben, was übermäßiger Drogenkonsum bei Werbefachleuten alles anrichten kann...

In einer kurzen Sequenz sieht man Connor / Thomas über eine Wiese reiten, dann erfolgt ein Schnitt auf einen vielleicht 16jährigen Jungen, der vor einer ca. 10 Meter hohen, roten zweidimensionalen Nachbildung einer Mühle steht (schließlich gehört so etwas auf jede Wiese, die etwas auf sich hält) und, als er Connor / Thomas entdeckt, freudig mit den Armen wedelnd ruft:“ Er kommt!“ Es erfolgt ein weiterer Schnitt, und nun erfährt der Zuschauer endlich, was aus dem verloren gegangenen Zweig der Kelly-Family geworden ist: Die Bande hat irgendwo auf einem Acker mysteriöse Sekte gegründet, die auf der Anbetung einer götzenhaften roten Mühle und dem Konsum qualitativ minderwertiger Teewurst basiert! Was man nicht so alles in der Werbung erfährt... Jedenfalls sieht man eine größere Anzahl grob gezimmerte Holztische und Bänke, um die eine Menge ebenfalls pseudo-highlandermäßig gekleidete Männer sitzen (sind da auch Frauen dabei? Weiß ich gerade nicht), die freudig die gelieferte Wurst in Empfang nehmen und ziemlich auf „Ritterfressen“ machen, indem sie die Wurst ungefähr fünf Zentimeter dick auf mindestens ebenso dicke Brotscheiben verteilen; getrunken wird dabei standesgemäß etwas bierartiges aus irgendwelchen derben Steingut-Krügen. Diese malerische Szene wird untermalt von einem gestandenen Männerchor, der schmettert: „Rügenwalder Mühlenfest – lebe hoch! Würzig grob, herzhaft fein – wir hau’n rein!“ Dann endet die Werbung und der fassungslose Zuschauer wird ohne Aussicht auf Erlösung den bohrenden Fragen überlassen, die nun auf ihn einstürmen: Meinen die das ECHT ernst? Was zum Geier haben die geraucht? Wird die Metzgerin beim Sex mit ihrem Mann nur noch an Connor / Thomas denken? Sehe ich auch irgendwann so aus, wenn ich zu viel Teewurst esse? Wieso habe ich diese große rote Aufstell-Mühle eigentlich noch nie bei Ikea gesehen? Meinen die das ECHT ernst? Meinen die das ECHT...