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Als ich nach einer halbstündigen Straßenbahnfahrt voller neugieriger und demütigender Blicke endlich Zuhause angekommen war, mußte ich zu allem Überfluß feststellen, daß Thomas auch mein Schlüsselbund entwendet hatte. Vermutlich lag er jetzt zusammen mit meiner Armbanduhr da, wo auch auch schon die Flachzange ihr neue Bleibe gefunden hatte. Für einen Moment stieg in mir das Gefühl auf, ich würde in jedem Augenblick den Verstand verlieren und mich in ein wild schreiendes Etwas verwandeln. Kurz bevor meine Erziehung, meine Selbstkontrolle, einfach alles, was mich zu einem konditionierten Schaf in einer Schafherde machte, von diesem Gefühl übersteuert zu werden drohte, schoß mir der Gedanke in den Kopf: "Bernd!" Bernd war mein Nachbar, er wohnte direkt gegenüber von mir. Irgendwann hatte ich ihn mal kennengelernt, als wir uns zufällig beim örtlichen Supermarkt trafen und ins Gespräch kamen. Er war ein komischer Kauz. Verschlossen, etwas schmuddelig, hatte immer dunkle Ringe unter den Augen, wenn man ihn mal sah und sprach nicht mehr als unbedingt nötig.
Bernd hatte einen Zweitschlüssel für meine Wohnung. Ich klingelte Sturm. Nach einer gefühlte Ewigkeit öffnete sich die Tür vorsichtig einen Spalt. "Ach, der Busfahrernachbar, und ich dachte schon, es ist wieder einer dieser Untermenschen von der GEZ". Seine langen Haare hingen ungekämmt von seinem massiven Kopf herab, einige Strähnen hatten sich in den Stoppeln seines Dreitagebarts verfangen. "Gehst du auf eine Kostüm-Partei, Du Hüfts...". Ich verstand kein Wort. "Bernd, hör zu", unterbrach ich ihn, "ich hab jetzt keine Zeit für Erklärungen. Ich brauche die Schlüssel von dir!" Er verschwand wortlos in dem für ihn typischen Mief, der mich immer etwas an meine Zeit als Zivildienstleistender erinnerte, als ich für alte Menschen Einkaufen ging. Es war eine Mischung aus ungewaschenen Klamotten, Urin und eingetrocknetem Sperma. Er kam zurück. "Da ..." - "Danke!".
Als ich versuchte den Schlüssel ins Schloss zu stecken, merkte ich erst wie stark ich zitterte. Mit beiden Händen gelang es mir schließlich zu öffnen. Ich schmiß die Tür hinter mir zu und war endlich allein. Für einen Moment dachte ich, alles wäre nur ein schlechter Drogenrausch, ich müßte mich nur stark konzentrieren und alles löse sich in Wohlgefallen auflösen.
Aber es war kein Rausch, es war die harte Realität! Meine Freundin war vor meinen eigenen Augen vergewaltigt worden und die Bullen interessierten sich ein Scheißdreck für mein Problem. "Was soll ich nur machen?", sprach ich wie in Trance in den Flur vor mir, und es klang, als hätte es jemand anderes gesprochen, dessen Stimme nur entfernt an meine eigene erinnerte. Bevor ich mir selbst eine Antwort geben konnte, traf mein Körper eine Entscheidung. Ein Schwall von Kotze und Blut bahnte sich ihren Weg durch meinen Hals und landete mit einem lauten Klatschen auf dem Boden. Ich machte mir nicht die Mühe dagegen anzukämpfen. Mein leerer Blick wanderten wie von selbst langsam über die Lache, die Spritzer an der Tapete und blieb an einem roten Gegenstand hängen. "Was ist das?" Mein Verstand meldete sich zaghaft zurück und mir fiel es wieder ein. Ein Kuhfuß in einem rot angestrichenen Holzkasten mit einer Glastür. Ich hatte ihn vor Jahren mal in der Bucht ersteigert. Valve hatte, zur Vorstellung von Half Life 2, einige dieser Werbegeschenke an ausgesuchten Journalisten verteilt.
Ich spürte wie mein Herzschlag sich beschleunigte, während mein Hirn weiterhin bemüht war meinen Blick scharf zu halten, der immer noch wie hypnotisiert auf diesen roten Holzkasten starrte. Langsam hob sich meine linke Hand und wischte mir die Tränen und die Kotze aus dem Gesicht. Meine Backenmuskulatur spannte sich, der Mund zog sich zusammen Punkt zusammen. Alles geschah von selbst, ich war nur Zuschauer. Das Tier hatte wieder um Einlaß gebeten und ich ließ es einfach geschehen.
Krachend fuhr meine Hand durch die Glasscheibe und umklammerte den kalten Stahl. Etwas Blut rann über meine Faust und weiter auf den Kuhfuß, aber ich spürte keinen Schmerz. Adrenalin ist eine eine starke Droge, und sie ist gefährlicher als alle anderen. "Jauch und Thomas, ihr werden für alles bezahlen", raunte das Tier in meinem Kopf und es klang wie ein Befehl dem man nicht widerspricht wagt, "für jede einzelne Minute Sendezeit, für jeden erpressten Cent Zwangsgebühr!".